Allrad-Specials

Ilka Minor im Interview

Die Copilotin Nummer 1 bei der Rallye Dakar 2017

Nicht weniger als 125 Starts als Beifahrerin bei WRC-Rallyes hat Ilka Minor in ihrer Karriere aufzuweisen. Der Start bei der Rallye Dakar 2017 war ihr Debüt bei Langstrecken-Rallyes. Ein sehr erfolgreiches Debüt. Wir haben mit ihr gesprochen.
04.02.2017
Ilka, herzliche Gratulation - ein 11. Platz bei der Dakar ist ein absolut sensationelles Ergebnis. Nur die potenten Werksteams von Peugeot, Toyota und Mini waren vor Euch. Unter anderem war ein gewisser Miko Hirvonen hinter Euch klassiert. Ihr seid ein konstant tolles Rennen gefahren, und habt alle Etappen - vom Resultat her - gleichmäßig gut beendet...

Na ja, gegen die Werksteams hat man halt absolut keine Chance. Der Romain Dumas im Peugeot hat uns zum Beispiel einmal überholt – nach einem Kilometer haben wir ihn nicht mehr gesehen, so schnell war er.

Aber die Leistung, die dieses kleine MP-Sports-Team geliefert hat, ist der absolute Wahnsinn. Weil: Ein Auto erst im Juli zu bekommen und es dann so hinzukriegen, dass man vorne mitfahren kann – wenn wir (lacht) weniger Beifahrer-Fehler gehabt hätten, wäre auch ein Platz in den Top Ten drin gewesen. Aber als Neuling gibt's da halt viel zu lernen.

Ihr seid von Defekten weitgehend verschont geblieben?

Ja – wir haben nur am zweiten Tag - das war eine ziemlich schnelle Prüfung mit vielen Schlammlöchern - Motorüberhitzungen gehabt, weil der Kühler beim Ford vorne ist und schnell zu war. Bei permanentem Highspeed ist das natürlich ein Problem. Wir sind dort trotzdem 274 Kilometer in 2 Stunden 20 gefahren, das fahren andere auf der Autobahn…

Erster Start bei der Dakar - ein ganz neues Erlebnis für Dich.

Eigentlich habe ich nicht gewusst, was mich erwartet. Die Dakar beobachtet habe ich natürlich über viele Jahre und gehofft, dass irgendwann die Chance auf eine Teilnahme kommt. Das klappt aber nur, wenn Dich irgend jemand aus der Szene kennt und sagt - ok, ich nehme das Risiko und wir probieren das gemeinsam. Martin Prokop ist ja schon voriges Jahr gestartet und ist 14. geworden.

Es war absolutes Neuland für mich. Nur weil man 125 WRC-Läufe gefahren ist, heißt das nicht, dass man auch bei der Dakar Erfolg haben wird. Es hätte auch schief gehen können. Gott sei Dank ist es aus meiner Sicht recht gut ausgegangen.



Bei Langstrecken-Rallyes ist der Beifahrer mindestens so wichtig wie der Fahrer. Der kann noch so schnell fahren - wenn der Beifahrer die falsche Richtung ansagt, gewinnt man keinen Blumentopf. So gesehen musst Du einen genialen Job gemacht haben...

Es ist so, dass in der Praxis der Beifahrer mehr Fehler macht als der Fahrer. OK, wenn das Auto auf einer Düne stecken bleibt, ist das nicht unbedingt mein Fehler. Aber die Navigation ist wirklich unheimlich schwierig. Nachdem es vergangenes Jahr Kritik gegeben hat, dass die Strecke zu leicht war, hat es der Veranstalter dieses Jahr deutlich schwieriger gemacht. Mit vielen versteckten Wegpunkten.

Welche Geräte habt Ihr zur Navi verwendet?

Na ja, wir haben ganz normale Tripmaster für die Distanzmessungen und dann gibt es die GPS-Boxen, die der Veranstalter zur Verfügung stellt. Jeden Morgen wird dort die Strecke hinein geladen. Die läuft im Hintergrund ab, im Vordergrund gibt es aber keine Informationen zur Strecke. Man bekommt Kompassrichtungen und Wegpunkte freigeschaltet, wobei aber 80 Prozent der Punkte versteckt sind. Dann fährt man zusätzlich nach dem Roadbook.

Dazu darf man keine weiteren Geräte ins Auto mitnehmen, GPS-Uhren zum Beispiel sind verboten, eigentlich auch Smartphones. Man fährt hunderte Kilometer nach Vorgaben, weiß aber eigentlich nicht, wo im Land man genau ist. Bei Problemen hat man aber eine Verbindung zum Veranstalter, das Auto kann auch jederzeit geortet werden.

Martin Prokop ist Tscheche. Wie lief die Kommunikation "on board"? Wie war die Zusammenarbeit?

(Lacht). Englisch. Nein. Menschlich hat das super gepasst. Muss es aber auch – man ist ja 20 Tage lang praktisch 24 Stunden beieinander. Da muss es gegenseitiges Vertrauen geben. Wenn es da Reibereien gäbe… Das ganze Team war so g'mütlich, dass ich mir gedacht habe, ich könnte jetzt durchaus noch eine Woche weiterfahren.

Wie bist Du zu diesem "Beifahrerinnen-Job" gekommen?

Eine Woche nach der letzten Dakar hat sich Martin (Prokop) bei mir gemeldet. Er hat einfach geschaut, wer hat viel Erfahrung, wer ist fit, wer würde zu ihm passen.

Die Dakar ist – auch wenn Jutta Kleinschmidt mal gewonnen hat – eine ziemliche Männer-Domäne. Wie ist das als Frau in dieser Testosteron-Welt?

Ich glaube – für die Außenstehenden gibt's eine Differenzierung zwischen Männlein und Weiblein. Aber im Zirkus selber ist das egal. Als Frau musst Du denselben Job machen. Das interessiert dort niemanden, ob Du eine Frau bist oder ein Mann. Den gleichen Smalltalk, den ein Herr Elena (Beifahrer von Sebastien Loeb, Anm.) mit dem Beifahrer von Peterhansel führt, führt er mit mir genauso. Du musst dort Deinen Job machen, das kann man als Frau genauso gut wie als Mann. Und genauso schlecht, theoretisch. In Wirklichkeit geht es nur um den Sport – mag man ihn oder mag man ihn nicht.

Temperaturen von unter Null bis plus 40, extreme Höhen bis 4.500 Meter. Wie und wie lange bereitet man sich auf die Extreme körperlich - aber auch geistig - vor?

Wir waren im Dezember 15 Tage in Aspen, Colorado auf 2.500 Metern Höhe und haben dort Fitness-Training gemacht. Wir haben aber während der Rallye überhaupt keine Probleme gehabt, weder mit der Hitze noch mit der Höhe. Mentaltraining habe ich noch nie gebraucht ... ich kann mir selber helfen. Sonst (lacht) weiß ich niemanden, der mir helfen könnte.

Wie ernährt man sich?

Eigentlich ganz normal. Wir haben ein eigenes Catering mitgehabt, einen Super-Koch dazu. Am Abend gab's tschechische Küche, recht deftig, immer Fleisch. Ein ganz normales Frühstück, untertags ist man 10, 12 Stunden unterwegs, da gibt's nur Power-Riegel. Da freut man sich, wenn's am Abend was Normales, Ordentliches gibt. Da gab's auch Schweinsbraten und Knödel...

Wieviel trinkt man während einer Etappe?

Gar nicht so viel. Wir haben beide einen 3-Liter-Kanister mitgehabt, und nicht einmal der war jeden Abend leer. Obwohl es in Paraguay und Argentinien schon heiß war, einmal 46 Grad.

Euer Ford ... kannst Du uns ein bisschen was über das Auto erzählen?

Na ja, technisch kann ich nicht allzu viel dazu erzählen. Der Ford F-150 Raptor hat einen Motor aus dem Mustang, Achtzylinder-Benziner. Sequenzielles Schaltgetriebe. Das Fahrwerk wurde von einer slowakischen Firma extra angepasst, Doppeldämpfer vorne hinten. 400 Liter Tank.

Was hättet ihr auf der Strecke selbst reparieren können?

Wir haben da ein eigenes Training dazu gemacht. Eine Antriebswelle zum Beispiel hätten wir schon tauschen können. Aber man hat ja nur ganz wenig mit, bei kurzen Etappen fast gar nichts.

Die Medien-Berichterstattung in Österreich war ein bissl traurig - von Matthias Walkner gab's noch ein wenig zu lesen, von Euch bzw. Dir sehr wenig. In Österreich gibt's offensichtlich wenig Interesse am Rally-Raid-Sport. Schade eigentlich...

Ja, es gibt halt keine Lobby in Österreich. Der Matthias Walkner hat eine, weil er KTM hinter sich hat. Servus TV hat etwas gebracht, der ORF hat sich sehr zurückgehalten. Die Presse und der Standard haben etwas gebracht, die Krone war fleißig. Die Hoffnung besteht, das jetzt ein bisschen was weitergeht, weil der Matthias Zweiter geworden ist.

Du bist Personal Fitness Trainerin ... was machst Du da genau?

Ich trainiere Leute individuell, erstelle Trainingspläne. Je nach ihren Ansprüchen draußen, drinnen, im Fitnesscenter, zu Hause… Auch das Vorbereitungsprogramm für Martin Prokop und mich habe natürlich ich gemacht.

Zielgerichtet fürs Rallyefahren...

Das Gute am Motorsport ist, dass man nichts auslassen darf – man muss alles machen. Ausdauer, Kraft, da muss alles passen.

Wie groß war das Team?

Sechs Mechaniker, das Cateringteam. Und wir haben mit einem Tatra-Team zusammen gearbeitet. Und wir hatten einen eigenen Race-Support-LKW. Leider nicht sehr lange, weil er ist … (grinst) … selber ausgefallen...

Wie geht's bei Dir weiter? Was sind die nächsten Rallye-Meilensteine? Nächstes Jahr wieder Dakar?

Mal schauen. Martin hat gesagt, er wird sich bald entscheiden, ob er nächstes Jahr wieder fährt. Die Autos kommen erst irgendwann im Februar zurück... Ich würde gern wieder etwas in der WRC machen, aber es steht noch nicht fest, ob der Henning Solberg wieder startet.


Ilka Minors Webseite





Fotos + Video: Martin Prokop Official
Text: GELAENDEWAGEN.AT, Michael Kubicek

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