Testberichte

Romeos Herz schlägt höher

Alfa auf neuen Wegen: Stelvio heißt der SUV-Debütant

Die Turiner Modell-Maschinerie rotiert: Zur blutjungen Giulia gesellt sich jetzt das erste Sports Utility Vehicle der Markengeschichte.
09.04.2017
Zu neuen Höhen will sich Alfa Romeo schwingen. Damit hält die gerade aus jahrelangem Dornröschenschlaf erwachende italienische Traditionsmarke nicht hinter dem Berg. Und benennt den neuesten, selbstverständlich sportlich interpretierten, Aufschwung-Kandidaten mit einer hoch angelegten Titulierung: Stelvio (Stilfser Joch). Dieser Name bezeichnet den mit 2.757 Metern Seehöhe höchst gelegenenen Alpenstraßen-Pass auf italienischem Staatsgebiet. Diese Typenbezeichnung gehörte bis vor kurzem einem anderen - italienischen - Fahrzeug: einer Groß-Enduro der Marke Moto Guzzi. Mit der Einstellung dieses Modells wurde der Name frei und, passend, dem ersten Hochbeinigen aus dem Hause Alfa Romeo verliehen.

Zur Premiere des SUV-Debutanten wäre wohl eine Bezwingung der knapp fünfzig Kilometer langen Stelvio-Panoramastraße mit ihren durchschnittlich siebenprozentigen Steigungen/Gefällen sowie an die achtzig Kehren am passendsten gewesen. Doch herrscht im frühen Frühjahr auf Höhenlagen oberhalb der 2.300 Meter noch Ungeräumtheit vom Winter (oder es dräuen Lawinen), diese hoch gelegenen Pässe sind noch gesperrt. Weshalb der Passgang auf den Sommer verschoben werden muss. Aber immerhin dicht dran war die Testroute: Sie führte von Innsbruck übers Kühtai nach Hochgurgl, bis zum Top Mountain Crosspoint auf 2.200 Metern Höhe (dem Einstieg zur Timmelsjoch-Straße, die bei 2.474 Metern ihren Höhepunkt erreicht) - mit einer Streckenführung, die auf die grundlegenden Talente des Neo-SUV zugeschnitten ist: kurzer Einstieg über die Autobahn, langer Aufstieg über weit geschwungenes und engwinkeliges, teils steil ansteigendes Kurventerrain. Was der junge, höhergelegte Romeo mit knackiger Lässigkeit inhalierte - wie probiert mit Zweiliter-Vierzylinder-Turbobenziner-Motorisierung mit 280 PS und mit ebenfalls vierzylindrigem 2,2-Liter-Dieselaggregat und 210 PS, beide gekoppelt an ein achtgängiges Automatikgetriebe (von ZF).

Am einen wie am anderen Triebwerk gab's nichts zu meckern. Während der Benziner mit Alfa-typischem Temperament (jedoch sehr verhaltenem Sound) antritt wirkt der Diesel vielleicht etwas zögerlich(er), besticht jedoch durch seinen bärigen Durchzug, lässt dabei allerdings über seine Verbrennungsart keinen Zweifel aufkommen. Als Gustostück entpuppte sich die Lenkung. Sie mag anfangs als zu leichtgängig erscheinen. Doch spätestens in der ersten Wechselkurvenkombination überzeugt sie mit unverblümter Direktheit und messerscharfer Präzision. Dazu passen die völlig unbissigen Bremsen mit progressiver Ankerleistung.

Die Kombination aus fahraktivem (Heckantriebs-)Unterbau mit der ausgewogenen Gewichtsverteilung von 50:50 vorne zu hinten und der erhöhten Sitzposition resultiert in einem auch im "Dynamik"-Modus grundkomfortabel abgestimmten Sportler, der jenseits jeglicher Nervosität jeder Fahrlaune Raum lässt: für entspanntes Sightseeing-Bummeln oder forciertes Kurvenwetzen. Oder beides, im Wechsel, je nachdem.

Technische Basis des Neo-Romeo ist die noch blutjunge Giulia. Auf der Heckantriebs-Plattform namens Giorgio steht ein glattflächig-unverschnörkelter und schlanker Aufbau mit unverkennbarer Alfa-Physiognomie. Gegenüber der Schwester schlägt Romeos Herz um 6,5 Zentimeter höher (Bodenfreiheit: 200 Millimeter). Entsprechend den Ansprüchen des gehobenen Mittelklasse-Segments gehört Allradantrieb prinzipiell dazu (davon zeugt das "Q4"-Logo am Heck). Das automatisch agierende 4x4-System stammt aus Österreich, von Magna, und es besteht aus einem aktiven Verteilergetriebe sowie einem zusätzlichen Differenzial. Verzichtet hat Alfa auf die Installation von Offroad-orientierten Fahrprogrammen, wie sie - wenn auch auf Asphalt ausgelegt - etwa der ebenfalls noch sehr junge Jaguar F-Pace offerieren kann.

Eine Ernte dessen ist die Leichtgewichtigkeit des Stelvio: ab 1.604 Kilo bringt der 4,69 Meter lange Fünftürer (in dem auf der Rückbank zwei Passagiere am kommodesten sitzen können) auf die Waage. Das ist Bestwert in seiner Klasse, und das resultiert aus reichlich Alu-Zugaben an Motorhaube, Heckklappe, Türen, Kotflügeln und Fahrwerkskomponenten sowie Kohlefaser an der Antriebswelle. Echtes Offroad-Wildern ist sowieso nicht angesagt. Für gröbere Fahrbahnzustände ist er mit seinen längeren Federwegen ohnehin gut vorbereitet.

Bei den Händlern sind die ersten Stelvios schon angerollt. Als "Super" und als "First Edition", als 280-PS-Benziner und als 210-PS-Diesel. Im Anrollen sind ein 200-PS-Ottokandidat und ein 180-PS-Selbstzünder, Letzterer als Einstiegsmodell, für ab 44.020 Euro mit Heckantrieb. Die Leistungskrone wird, im dritten Quartal dieses Jahres, analog zur Giulia, die Quadrifoglio-Version sein. Mit 510 PS starkem 2,9-Liter-V6-Biturbobenziner.

Fotos: Alfa Romeo
Text: GELAENDEWAGEN.AT / Beatrix Keckeis-Hiller

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